Diese Aussage, dass die Knie meiner Patienten im Alter kaputt seien, weil sie früher viel gejoggt sind, höre ich häufig. Kürzlich hat mich sogar ein Patient gefragt, ob es stimme, dass Treppensteigen die Knie kaputt mache. In diesem Artikel möchte ich diesen Mythos etwas genauer anschauen, die wichtigsten Strukturen des Knies erklären und natürlich einen Blick auf die Studienlage werfen.
Anatomie
Aus was besteht überhaupt unser Knie? Die meisten haben sicher schon von Menisken und Kreuzbändern gehört. Auf dem Bild sehen wir ein rechtes Knie mit einigen der wichtigsten tieferliegenden Strukturen. Viele Sorgen rund ums Knie beziehen sich genau auf diese Strukturen und auf die Angst, dass eine davon durch Belastung irgendwann „kaputtgeht“. Natürlich gehören noch viele weitere Strukturen dazu. Muskeln und Sehnen rund um das Knie stabilisieren und bewegen das Gelenk und spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Schematische, KI-generierte Darstellung. Die Abbildung dient der vereinfachten Erklärung.
Meniskus und Knorpel
Für das Verständnis möchte ich noch kurz auf den Gelenkknorpel und die Menisken eingehen. Grundsätzlich ist der Gelenkknorpel nicht direkt durchblutet. Beim Meniskus ist vor allem der äussere Bereich durchblutet, während die inneren Anteile kaum eine direkte Blutversorgung haben. Die Versorgung des Knorpels funktioniert deshalb unter anderem über die Gelenkflüssigkeit. Man kann sich den Knorpel vereinfacht wie einen Schwamm vorstellen: Bei Belastung wird Flüssigkeit aus dem Gewebe gedrückt und bei Entlastung wieder aufgenommen. Dieser Wechsel unterstützt den Austausch von Flüssigkeit und Nährstoffen im Knorpel.
Wieso ist diese Angst so verbreitet?
Wieso so viele Menschen Angst davor haben, ihre Knie durch Belastung kaputt zu machen, kann ich mir nicht abschliessend erklären. Wahrscheinlich spielt dabei auch die Vorstellung eine Rolle, dass bei jedem Schritt grosse Kräfte auf das Knie wirken und sich das Gelenk dadurch mit der Zeit abnutzen müsse.
Aber Belastung bedeutet nicht automatisch Schaden. Unser Bewegungsapparat ist grundsätzlich darauf ausgelegt, auf Belastungen zu reagieren und sich daran anzupassen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, dass ein Gelenk belastet wird, sondern auch wie viel, wie schnell die Belastung gesteigert wird und welche Voraussetzungen jemand mitbringt.
Was sagt die Wissenschaft?
Eine grosse systematische Übersichtsarbeit von Alentorn-Geli et al. verglich Freizeitläufer, Wettkampfläufer und Nichtläufer. Dabei lag die Häufigkeit von Hüft- und/oder Kniearthrose bei Freizeitläufern bei 3.5 %, bei Nichtläufern bei 10.2 % und bei Wettkampfläufern bei 13.3 %. Das bedeutet nicht automatisch, dass Freizeitjoggen vor Arthrose schützt oder Wettkampflaufen Arthrose verursacht. Gerade Wettkampfläufer unterscheiden sich hinsichtlich Trainingsumfang, früherer Verletzungen und anderer Faktoren deutlich von normalen Freizeitläufern. Zudem war der Unterschied zwischen Wettkampfläufern und Nichtläufern statistisch nicht eindeutig. Die Daten sprechen deshalb vor allem gegen die einfache Vorstellung, dass normales Freizeitjoggen die Gelenke zwangsläufig abnutzt.
Spannend ist auch, was direkt nach dem Laufen mit dem Knorpel passiert. Coburn et al. fanden im MRI unmittelbar nach dem Joggen eine Abnahme von Knorpeldicke und -volumen um etwa 3–5 %. Diese Veränderungen waren jedoch nur vorübergehend und normalisierten sich je nach Messung innerhalb von etwa 30 Minuten bis 24 Stunden wieder. Auch nach Marathonläufen zeigten die untersuchten MRI-Aufnahmen keine neuen Knorpelschäden und bereits vorhandene Knorpeldefekte verschlechterten sich kurzfristig nicht. Allerdings war die Sicherheit der Evidenz insgesamt sehr gering, weshalb man diese Ergebnisse nicht überinterpretieren sollte.
Eine weitere systematische Übersichtsarbeit von Dhillon et al. mit über 14’000 Personen kam zu einem ähnlichen Bild. Läufer berichteten insgesamt sogar seltener über Knieschmerzen als Nichtläufer, und mehrere Studien fanden keine relevanten Unterschiede bei Arthrosezeichen im Röntgen oder der Knorpeldicke im MRI. Die Autoren kamen deshalb zum Schluss, dass Laufen innerhalb der untersuchten Zeiträume nicht mit einer Verschlechterung von Kniebeschwerden oder Arthrosezeichen im Röntgen verbunden war.
Was bedeutet das nun?
Die bisherigen Studien liefern keine Hinweise darauf, dass normales Freizeitjoggen gesunde Knie „kaputt“ macht. Entscheidend ist, ob sich jemand diese Belastung gewohnt ist und wie schnell sie gesteigert wurde. Frühere Verletzungen wie Kreuzband- oder Meniskusschäden können das Arthroserisiko unabhängig vom Joggen erhöhen. Problematischer als das Joggen an sich ist oft eine zu schnelle Steigerung von Umfang oder Intensität. Natürlich spielen auch die individuellen Voraussetzungen eine Rolle. Die pauschale Aussage, dass Joggen die Gelenke kaputt macht, lässt sich so aber nicht halten. Auch beim Treppensteigen wirken relativ hohe Kräfte auf das Knie. Daraus kann man jedoch nicht ableiten, dass dadurch das Gelenk geschädigt wird. Die bisherigen Studien zum langfristigen Arthroserisiko sind widersprüchlich, weshalb sich auch hier eine solche pauschale Aussage wissenschaftlich nicht begründen lässt. Als Schlusssatz kann man sagen: Joggen ist Belastung, aber Belastung ist nicht automatisch Verschleiss.
Quellen
Alentorn-Geli E, Samuelsson K, Musahl V, Green CL, Bhandari M, Karlsson J. The Association of Recreational and Competitive Running With Hip and Knee Osteoarthritis: A Systematic Review and Meta-analysis. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. 2017;47(6):373–390. doi:10.2519/jospt.2017.7137.
Dhillon J, Kraeutler MJ, Belk JW, Scillia AJ, McCarty EC, Ansah-Twum JK, McCulloch PC. Effects of Running on the Development of Knee Osteoarthritis: An Updated Systematic Review at Short-Term Follow-up. Orthopaedic Journal of Sports Medicine. 2023;11(3):23259671231152900. doi:10.1177/23259671231152900.
Coburn SL, Crossley KM, Kemp JL, Warden SJ, West TJ, Bruder AM, Mentiplay BF, Culvenor AG. Is running good or bad for your knees? A systematic review and meta-analysis of cartilage morphology and composition changes in the tibiofemoral and patellofemoral joints. Osteoarthritis and Cartilage. 2023;31(2):144–157. doi:10.1016/j.joca.2022.09.013.
Hinweis: Das beschriebene Patientenbeispiel wurde anonymisiert und in einzelnen Details verändert.
