Wir werden häufig gefragt, was nun eigentlich die richtige Hebetechnik ist. Gerade in der Rehabilitation nach Rückenproblemen kommt diese Frage früher oder später fast immer auf. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass ein gerader Rücken beim Heben grundsätzlich sicherer ist. Auch unter Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten ist diese Ansicht wahrscheinlich noch weit verbreitet.
Wenn man sich die Studien dazu genauer anschaut, ist die Antwort jedoch weniger eindeutig.
Grundsätzlich gibt es keine klare Evidenz dafür, dass man beim Heben den Rücken immer gerade halten muss. Ebenso wenig lässt sich pauschal sagen, dass ein gerader Rücken die Wirbelsäule biomechanisch weniger belastet. Auch die Vorstellung, dass ein gebeugter Rücken beim Heben automatisch Rückenschmerzen verursacht, wird durch die bisherigen Studien nicht gestützt.

Schematische, KI-generierte Darstellung.
Was sagt die Wissenschaft?
Eine der interessantesten Arbeiten dazu stammt von Saraceni et al. aus dem Jahr 2020. In einer systematischen Übersichtsarbeit untersuchten sie, ob stärkeres Beugen der Lendenwirbelsäule beim Heben mit Rückenschmerzen zusammenhängt. Insgesamt wurden 12 Studien mit knapp 700 Personen eingeschlossen.
Bei den genaueren Messungen der Lendenwirbelsäule zeigte sich kein relevanter Unterschied in der Beugung zwischen Menschen mit und ohne Rückenschmerzen. Insgesamt fanden die Autoren deshalb keine überzeugenden Hinweise darauf, dass eine stärkere Beugung der Lendenwirbelsäule beim Heben mit Rückenschmerzen zusammenhängt. Allerdings war die Studienqualität insgesamt eher niedrig, und in den eingeschlossenen Untersuchungen wurden nur Lasten bis ungefähr 12 kg verwendet.
Eine weitere interessante Übersichtsarbeit stammt von van Dieën et al. Sie verglichen 27 biomechanische Studien zum Heben aus der Hocke mit dem Heben bei stärker gebeugtem Oberkörper. Dabei zeigte sich kein klarer Vorteil der klassischen Squat-Technik.
Die Kompressionsbelastung der Wirbelsäule war häufig ähnlich und teilweise beim Heben aus der Hocke sogar etwas höher. Vorteile der Squat-Technik zeigten sich vor allem dann, wenn die Last zwischen den Füssen aufgenommen werden konnte. Scherkräfte und bestimmte Biegemomente waren beim Squat zwar geringer, insgesamt ergab sich daraus jedoch kein klarer biomechanischer Vorteil, der die Squat-Technik pauschal zur „richtigen“ oder rückenschonenden Hebetechnik machen würde.
Maillard et al. untersuchten in einem aktuellen systematischen Review vier Studien mit insgesamt 2’013 Arbeitnehmenden. Dabei wurde die Rumpfbeugung direkt während der Arbeit gemessen. Es zeigte sich kein klarer Zusammenhang zwischen mehr oder längerem Vorbeugen und Rückenschmerzen. Auch stärkere Beugungen über 60° oder 90° waren nicht eindeutig mit mehr Beschwerden verbunden.
Die Autoren kommen deshalb zum Schluss, dass Rumpfbeugung allein wahrscheinlich kein guter Risikofaktor für Rückenschmerzen ist. Wichtiger scheinen vielmehr Faktoren wie hohe Lasten, wiederholte Belastung und weitere individuelle oder arbeitsbezogene Einflüsse zu sein. Allerdings ist auch hier die Studienlage noch begrenzt.
Was bedeutet das nun?
Die bisherigen Studien sprechen gegen die einfache Vorstellung, dass ein gebeugter Rücken beim Heben automatisch gefährlich ist oder dass ein gerader Rücken immer die sicherste Variante darstellt. Gleichzeitig zeigen die Studien nicht, dass die Hebetechnik überhaupt keine Rolle spielt.
Ähnlich wie bei Veränderungen im MRI bedeutet eine bestimmte Haltung oder Bewegung also nicht automatisch, dass der Rücken geschädigt ist. Mehr dazu habe ich im Artikel „Abnützung im MRI: Ist mein Rücken wirklich kaputt?“ zusammengefasst.
Ein leichter Gegenstand vom Boden zu heben ist zudem etwas anderes als eine schwere Last. Gerade bei höheren oder häufig wiederholten Belastungen scheinen Faktoren wie das Gewicht der Last, der Abstand zum Körper, die Geschwindigkeit und asymmetrische Bewegungen ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen.
Im Alltag gibt es deshalb nach aktuellem Wissensstand kaum einen Grund, jede Bewegung mit bewusst geradem Rücken auszuführen. Aus den aktuellen Studien lässt sich aber auch nicht ableiten, dass bewusstes Abwechseln verschiedener Hebetechniken besser ist. Vielmehr spricht die Studienlage dagegen, eine einzige Hebetechnik als grundsätzlich richtig oder sicher zu bezeichnen.
Aus der Erfahrung in der Praxis und als klinische Ableitung aus diesen Studien kann man ergänzen, dass unterschiedliche Hebestrategien je nach Situation sinnvoll sein können. Entscheidend ist weniger, ob der Rücken immer exakt gerade oder gebeugt ist, sondern ob die Belastung kontrolliert und den individuellen Fähigkeiten entsprechend bewältigt werden kann. Wenn jemand beispielsweise bei einer schweren Last aus der zunächst gewählten Position deutlich „einknickt“, kann das ein Hinweis darauf sein, dass Kraft, Rumpfkontrolle oder Belastbarkeit für diese Situation noch nicht ausreichen. Genau solche Punkte versuchen wir in der Physiotherapie gezielt zu verbessern.
Als Fazit dieses Artikels kann man sagen, dass ein gebeugter Rücken beim Heben nicht automatisch gefährlich sein muss.
Quellen
Saraceni N, Kent P, Ng L, Campbell A, Straker L, O’Sullivan P. To Flex or Not to Flex? Is There a Relationship Between Lumbar Spine Flexion During Lifting and Low Back Pain? A Systematic Review With Meta-analysis. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. 2020;50(3):121–130.
van Dieën JH, Hoozemans MJM, Toussaint HM. Stoop or Squat: A Review of Biomechanical Studies on Lifting Technique. Clinical Biomechanics. 1999;14(10):685–696.
Maillard A, Pasche T, Coenen P, Christe G. The Association Between Trunk Flexion and Low Back Pain in Blue-Collar Workers: A Systematic Review. Work: A Journal of Prevention, Assessment and Rehabilitation. 2026;84(1):42–51.





