Autor: Andreas Steinmann

  • Muss ich beim Heben den Rücken immer gerade halten?

    Muss ich beim Heben den Rücken immer gerade halten?

    Wir werden häufig gefragt, was nun eigentlich die richtige Hebetechnik ist. Gerade in der Rehabilitation nach Rückenproblemen kommt diese Frage früher oder später fast immer auf. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass ein gerader Rücken beim Heben grundsätzlich sicherer ist. Auch unter Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten ist diese Ansicht wahrscheinlich noch weit verbreitet.

    Wenn man sich die Studien dazu genauer anschaut, ist die Antwort jedoch weniger eindeutig.

    Grundsätzlich gibt es keine klare Evidenz dafür, dass man beim Heben den Rücken immer gerade halten muss. Ebenso wenig lässt sich pauschal sagen, dass ein gerader Rücken die Wirbelsäule biomechanisch weniger belastet. Auch die Vorstellung, dass ein gebeugter Rücken beim Heben automatisch Rückenschmerzen verursacht, wird durch die bisherigen Studien nicht gestützt.

    Schematische, KI-generierte Darstellung.

    Was sagt die Wissenschaft?

    Eine der interessantesten Arbeiten dazu stammt von Saraceni et al. aus dem Jahr 2020. In einer systematischen Übersichtsarbeit untersuchten sie, ob stärkeres Beugen der Lendenwirbelsäule beim Heben mit Rückenschmerzen zusammenhängt. Insgesamt wurden 12 Studien mit knapp 700 Personen eingeschlossen.

    Bei den genaueren Messungen der Lendenwirbelsäule zeigte sich kein relevanter Unterschied in der Beugung zwischen Menschen mit und ohne Rückenschmerzen. Insgesamt fanden die Autoren deshalb keine überzeugenden Hinweise darauf, dass eine stärkere Beugung der Lendenwirbelsäule beim Heben mit Rückenschmerzen zusammenhängt. Allerdings war die Studienqualität insgesamt eher niedrig, und in den eingeschlossenen Untersuchungen wurden nur Lasten bis ungefähr 12 kg verwendet.

    Eine weitere interessante Übersichtsarbeit stammt von van Dieën et al. Sie verglichen 27 biomechanische Studien zum Heben aus der Hocke mit dem Heben bei stärker gebeugtem Oberkörper. Dabei zeigte sich kein klarer Vorteil der klassischen Squat-Technik.

    Die Kompressionsbelastung der Wirbelsäule war häufig ähnlich und teilweise beim Heben aus der Hocke sogar etwas höher. Vorteile der Squat-Technik zeigten sich vor allem dann, wenn die Last zwischen den Füssen aufgenommen werden konnte. Scherkräfte und bestimmte Biegemomente waren beim Squat zwar geringer, insgesamt ergab sich daraus jedoch kein klarer biomechanischer Vorteil, der die Squat-Technik pauschal zur „richtigen“ oder rückenschonenden Hebetechnik machen würde.

    Maillard et al. untersuchten in einem aktuellen systematischen Review vier Studien mit insgesamt 2’013 Arbeitnehmenden. Dabei wurde die Rumpfbeugung direkt während der Arbeit gemessen. Es zeigte sich kein klarer Zusammenhang zwischen mehr oder längerem Vorbeugen und Rückenschmerzen. Auch stärkere Beugungen über 60° oder 90° waren nicht eindeutig mit mehr Beschwerden verbunden.

    Die Autoren kommen deshalb zum Schluss, dass Rumpfbeugung allein wahrscheinlich kein guter Risikofaktor für Rückenschmerzen ist. Wichtiger scheinen vielmehr Faktoren wie hohe Lasten, wiederholte Belastung und weitere individuelle oder arbeitsbezogene Einflüsse zu sein. Allerdings ist auch hier die Studienlage noch begrenzt.

    Was bedeutet das nun?

    Die bisherigen Studien sprechen gegen die einfache Vorstellung, dass ein gebeugter Rücken beim Heben automatisch gefährlich ist oder dass ein gerader Rücken immer die sicherste Variante darstellt. Gleichzeitig zeigen die Studien nicht, dass die Hebetechnik überhaupt keine Rolle spielt.

    Ähnlich wie bei Veränderungen im MRI bedeutet eine bestimmte Haltung oder Bewegung also nicht automatisch, dass der Rücken geschädigt ist. Mehr dazu habe ich im Artikel „Abnützung im MRI: Ist mein Rücken wirklich kaputt?“ zusammengefasst.

    Ein leichter Gegenstand vom Boden zu heben ist zudem etwas anderes als eine schwere Last. Gerade bei höheren oder häufig wiederholten Belastungen scheinen Faktoren wie das Gewicht der Last, der Abstand zum Körper, die Geschwindigkeit und asymmetrische Bewegungen ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen.

    Im Alltag gibt es deshalb nach aktuellem Wissensstand kaum einen Grund, jede Bewegung mit bewusst geradem Rücken auszuführen. Aus den aktuellen Studien lässt sich aber auch nicht ableiten, dass bewusstes Abwechseln verschiedener Hebetechniken besser ist. Vielmehr spricht die Studienlage dagegen, eine einzige Hebetechnik als grundsätzlich richtig oder sicher zu bezeichnen.

    Aus der Erfahrung in der Praxis und als klinische Ableitung aus diesen Studien kann man ergänzen, dass unterschiedliche Hebestrategien je nach Situation sinnvoll sein können. Entscheidend ist weniger, ob der Rücken immer exakt gerade oder gebeugt ist, sondern ob die Belastung kontrolliert und den individuellen Fähigkeiten entsprechend bewältigt werden kann. Wenn jemand beispielsweise bei einer schweren Last aus der zunächst gewählten Position deutlich „einknickt“, kann das ein Hinweis darauf sein, dass Kraft, Rumpfkontrolle oder Belastbarkeit für diese Situation noch nicht ausreichen. Genau solche Punkte versuchen wir in der Physiotherapie gezielt zu verbessern.

    Als Fazit dieses Artikels kann man sagen, dass ein gebeugter Rücken beim Heben nicht automatisch gefährlich sein muss.

    Quellen

    Saraceni N, Kent P, Ng L, Campbell A, Straker L, O’Sullivan P. To Flex or Not to Flex? Is There a Relationship Between Lumbar Spine Flexion During Lifting and Low Back Pain? A Systematic Review With Meta-analysis. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. 2020;50(3):121–130.

    van Dieën JH, Hoozemans MJM, Toussaint HM. Stoop or Squat: A Review of Biomechanical Studies on Lifting Technique. Clinical Biomechanics. 1999;14(10):685–696.

    Maillard A, Pasche T, Coenen P, Christe G. The Association Between Trunk Flexion and Low Back Pain in Blue-Collar Workers: A Systematic Review. Work: A Journal of Prevention, Assessment and Rehabilitation. 2026;84(1):42–51.

  • Macht Joggen wirklich die Knie kaputt?

    Macht Joggen wirklich die Knie kaputt?

    Diese Aussage, dass die Knie meiner Patienten im Alter kaputt seien, weil sie früher viel gejoggt sind, höre ich häufig. Kürzlich hat mich sogar ein Patient gefragt, ob es stimme, dass Treppensteigen die Knie kaputt mache. In diesem Artikel möchte ich diesen Mythos etwas genauer anschauen, die wichtigsten Strukturen des Knies erklären und natürlich einen Blick auf die Studienlage werfen.

    Anatomie

    Aus was besteht überhaupt unser Knie? Die meisten haben sicher schon von Menisken und Kreuzbändern gehört. Auf dem Bild sehen wir ein rechtes Knie mit einigen der wichtigsten tieferliegenden Strukturen. Viele Sorgen rund ums Knie beziehen sich genau auf diese Strukturen und auf die Angst, dass eine davon durch Belastung irgendwann „kaputtgeht“. Natürlich gehören noch viele weitere Strukturen dazu. Muskeln und Sehnen rund um das Knie stabilisieren und bewegen das Gelenk und spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

    Schematische, KI-generierte Darstellung. Die Abbildung dient der vereinfachten Erklärung.

    Meniskus und Knorpel

    Für das Verständnis möchte ich noch kurz auf den Gelenkknorpel und die Menisken eingehen. Grundsätzlich ist der Gelenkknorpel nicht direkt durchblutet. Beim Meniskus ist vor allem der äussere Bereich durchblutet, während die inneren Anteile kaum eine direkte Blutversorgung haben. Die Versorgung des Knorpels funktioniert deshalb unter anderem über die Gelenkflüssigkeit. Man kann sich den Knorpel vereinfacht wie einen Schwamm vorstellen: Bei Belastung wird Flüssigkeit aus dem Gewebe gedrückt und bei Entlastung wieder aufgenommen. Dieser Wechsel unterstützt den Austausch von Flüssigkeit und Nährstoffen im Knorpel.

    Wieso ist diese Angst so verbreitet?

    Wieso so viele Menschen Angst davor haben, ihre Knie durch Belastung kaputt zu machen, kann ich mir nicht abschliessend erklären. Wahrscheinlich spielt dabei auch die Vorstellung eine Rolle, dass bei jedem Schritt grosse Kräfte auf das Knie wirken und sich das Gelenk dadurch mit der Zeit abnutzen müsse.

    Aber Belastung bedeutet nicht automatisch Schaden. Unser Bewegungsapparat ist grundsätzlich darauf ausgelegt, auf Belastungen zu reagieren und sich daran anzupassen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, dass ein Gelenk belastet wird, sondern auch wie viel, wie schnell die Belastung gesteigert wird und welche Voraussetzungen jemand mitbringt.

    Was sagt die Wissenschaft?

    Eine grosse systematische Übersichtsarbeit von Alentorn-Geli et al. verglich Freizeitläufer, Wettkampfläufer und Nichtläufer. Dabei lag die Häufigkeit von Hüft- und/oder Kniearthrose bei Freizeitläufern bei 3.5 %, bei Nichtläufern bei 10.2 % und bei Wettkampfläufern bei 13.3 %. Das bedeutet nicht automatisch, dass Freizeitjoggen vor Arthrose schützt oder Wettkampflaufen Arthrose verursacht. Gerade Wettkampfläufer unterscheiden sich hinsichtlich Trainingsumfang, früherer Verletzungen und anderer Faktoren deutlich von normalen Freizeitläufern. Zudem war der Unterschied zwischen Wettkampfläufern und Nichtläufern statistisch nicht eindeutig. Die Daten sprechen deshalb vor allem gegen die einfache Vorstellung, dass normales Freizeitjoggen die Gelenke zwangsläufig abnutzt.

    Spannend ist auch, was direkt nach dem Laufen mit dem Knorpel passiert. Coburn et al. fanden im MRI unmittelbar nach dem Joggen eine Abnahme von Knorpeldicke und -volumen um etwa 3–5 %. Diese Veränderungen waren jedoch nur vorübergehend und normalisierten sich je nach Messung innerhalb von etwa 30 Minuten bis 24 Stunden wieder. Auch nach Marathonläufen zeigten die untersuchten MRI-Aufnahmen keine neuen Knorpelschäden und bereits vorhandene Knorpeldefekte verschlechterten sich kurzfristig nicht. Allerdings war die Sicherheit der Evidenz insgesamt sehr gering, weshalb man diese Ergebnisse nicht überinterpretieren sollte.

    Eine weitere systematische Übersichtsarbeit von Dhillon et al. mit über 14’000 Personen kam zu einem ähnlichen Bild. Läufer berichteten insgesamt sogar seltener über Knieschmerzen als Nichtläufer, und mehrere Studien fanden keine relevanten Unterschiede bei Arthrosezeichen im Röntgen oder der Knorpeldicke im MRI. Die Autoren kamen deshalb zum Schluss, dass Laufen innerhalb der untersuchten Zeiträume nicht mit einer Verschlechterung von Kniebeschwerden oder Arthrosezeichen im Röntgen verbunden war.

    Was bedeutet das nun?

    Die bisherigen Studien liefern keine Hinweise darauf, dass normales Freizeitjoggen gesunde Knie „kaputt“ macht. Entscheidend ist, ob sich jemand diese Belastung gewohnt ist und wie schnell sie gesteigert wurde. Frühere Verletzungen wie Kreuzband- oder Meniskusschäden können das Arthroserisiko unabhängig vom Joggen erhöhen. Problematischer als das Joggen an sich ist oft eine zu schnelle Steigerung von Umfang oder Intensität. Natürlich spielen auch die individuellen Voraussetzungen eine Rolle. Die pauschale Aussage, dass Joggen die Gelenke kaputt macht, lässt sich so aber nicht halten. Auch beim Treppensteigen wirken relativ hohe Kräfte auf das Knie. Daraus kann man jedoch nicht ableiten, dass dadurch das Gelenk geschädigt wird. Die bisherigen Studien zum langfristigen Arthroserisiko sind widersprüchlich, weshalb sich auch hier eine solche pauschale Aussage wissenschaftlich nicht begründen lässt. Als Schlusssatz kann man sagen: Joggen ist Belastung, aber Belastung ist nicht automatisch Verschleiss.

    Quellen

    Alentorn-Geli E, Samuelsson K, Musahl V, Green CL, Bhandari M, Karlsson J. The Association of Recreational and Competitive Running With Hip and Knee Osteoarthritis: A Systematic Review and Meta-analysis. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. 2017;47(6):373–390. doi:10.2519/jospt.2017.7137.

    Dhillon J, Kraeutler MJ, Belk JW, Scillia AJ, McCarty EC, Ansah-Twum JK, McCulloch PC. Effects of Running on the Development of Knee Osteoarthritis: An Updated Systematic Review at Short-Term Follow-up. Orthopaedic Journal of Sports Medicine. 2023;11(3):23259671231152900. doi:10.1177/23259671231152900.

    Coburn SL, Crossley KM, Kemp JL, Warden SJ, West TJ, Bruder AM, Mentiplay BF, Culvenor AG. Is running good or bad for your knees? A systematic review and meta-analysis of cartilage morphology and composition changes in the tibiofemoral and patellofemoral joints. Osteoarthritis and Cartilage. 2023;31(2):144–157. doi:10.1016/j.joca.2022.09.013.

    Hinweis: Das beschriebene Patientenbeispiel wurde anonymisiert und in einzelnen Details verändert.

  • Narbenbehandlung in der Physiotherapie: Was weiss man wirklich?

    Narbenbehandlung in der Physiotherapie: Was weiss man wirklich?

    Narbenbehandlung in der Physiotherapie: Was weiss man wirklich?

    Wieder beginne ich in meinem kleinen Praxisraum, von dem aus man bei schönem Wetter bis nach Zürich und sogar zum Prime Tower sehen kann.

    Meine Patientin kam wegen Schmerzen im Unterarm zu mir. Die Beschwerden zogen teilweise bis zum Handgelenk. Einen klaren Auslöser gab es nicht, und auch das Gespräch und die erste Untersuchung ergaben zunächst kein eindeutiges Bild. In ihrer Vorgeschichte gab es jedoch einen wichtigen Punkt: Einige Jahre zuvor war sie wegen Brustkrebs operiert worden. Dabei war eine Brust entfernt und später rekonstruiert worden. Eine Narbe verlief längs durch die Achsel, wo auch ein Lymphknoten entfernt worden war. Eine weitere Narbe verlief vom Brustbereich in Richtung Achsel.

    Die Patientin selbst brachte diese ältere Operation zunächst nicht mit ihren aktuellen Beschwerden im Arm in Verbindung. Auch für mich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, ob und welche Rolle die Narben dabei spielten. Im Verlauf der Behandlung kamen wir relativ bald auf das Narbengewebe zu sprechen.

    Dabei zeigte sich, dass die Narben bisher kaum gezielt untersucht oder behandelt worden waren. Als ich das Gewebe vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger verschob, beschrieb die Patientin ein Gefühl wie viele kleine Nadeln. Solche unangenehmen oder ungewohnten Empfindungen können bei Narben vorkommen, sind aber nicht bei jeder Narbe gleich.

    Im Verlauf der nächsten Behandlungen nahm dieses nadelartige Gefühl zunehmend ab. Gleichzeitig gingen auch die Beschwerden im Unterarm zurück. Ob die Behandlung der Narbe dafür ausschlaggebend war, lässt sich aus diesem einzelnen Verlauf jedoch nicht sicher sagen. Möglich ist, dass mehrere Faktoren gemeinsam eine Rolle spielten.

    Was sagt die Forschung?

    Hier muss man klar sagen: Die Studienlage zur gezielten Behandlung von Narben nach einer Brustkrebsoperation ist noch dünn. Es gibt zwar einzelne Untersuchungen zu manuellen Behandlungen, Weichteilmobilisation und Narbenmassage. Dabei wird aber meistens nicht nur die Narbe behandelt, sondern es werden mehrere Massnahmen miteinander kombiniert.

    Zwei der Studien beschäftigten sich mit Frauen mit einem sogenannten axillären Netzsyndrom. Dabei bildet sich nach einer Operation in der Achsel ein schmerzhafter, teilweise sichtbarer oder tastbarer Strang unter der Haut. Dieser kann die Beweglichkeit des Arms einschränken und tritt insbesondere nach Eingriffen an den Lymphknoten auf.

    Meer et al. untersuchten 36 Patientinnen mit einem solchen Netzsyndrom nach einer Brustkrebsoperation. González-Rubino et al. untersuchten 46 Frauen, die ebenfalls unter einem schmerzhaften Netzsyndrom und einer eingeschränkten Armbeweglichkeit litten. In beiden Studien wurden mehrere physiotherapeutische Massnahmen kombiniert beziehungsweise miteinander verglichen. Dazu gehörten unter anderem Bewegungsübungen sowie manuelle Behandlungen des Weichteilgewebes und des lymphatischen Systems. Im Verlauf verbesserten sich unter anderem Schmerzen, Beweglichkeit und Funktion. Da mehrere Massnahmen eingesetzt wurden, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten, welchen Anteil eine gezielte Behandlung des Narbengewebes allein hatte.

    Ein weiteres Beispiel aus der Praxis

    Bei meiner Recherche hatte ich ehrlich gesagt gehofft, deutlich mehr Studien zu alten Operationsnarben und Beschwerden an anderen Körperstellen zu finden. Der Grund dafür sind weitere Beobachtungen aus meinem Praxisalltag. So behandelte ich beispielsweise eine Patientin mit Rückenschmerzen, bei der eine grosse, mehr als zehn Jahre alte Bauchnarbe nur wenig beweglich war. Während der Behandlung verbesserten sich sowohl die Beweglichkeit der Narbe als auch die Rückenschmerzen.

    Auch hier lässt sich nicht beweisen, dass die Narbe die Ursache der Beschwerden war. Die Beobachtung war für mich aber ein weiterer Grund, alte Narben bei der Untersuchung nicht vorschnell ausser Acht zu lassen.

    Was weiss man über andere Narben?

    Am ausführlichsten wurde Narbenmassage bisher bei Verbrennungsnarben untersucht. Eine systematische Übersichtsarbeit mit sieben Studien von Lin et al. mit insgesamt 420 Personen fand Hinweise darauf, dass Narbenmassage Schmerzen und Juckreiz reduzieren und die Beschaffenheit der Narbe verbessern kann. Die Ergebnisse waren jedoch nicht in allen Untersuchungen gleich. Zudem lassen sie sich nicht ohne Weiteres auf alte Operationsnarben oder auf Beschwerden an weiter entfernten Körperstellen übertragen. Eine Verbrennungsnarbe unterscheidet sich in ihrer Entstehung und Beschaffenheit deutlich von einer Operationsnarbe nach einer Brust- oder Bauchoperation.

    Fazit

    Trotz der bisher dünnen Studienlage sollten Narben bei der Untersuchung berücksichtigt werden. Sie können empfindlich, schmerzhaft oder in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sein und möglicherweise das umliegende Gewebe beeinflussen. Die beiden beschriebenen Fälle sind persönliche Beobachtungen aus meinem Praxisalltag. Sie beweisen nicht, dass die Narben die alleinige Ursache der Beschwerden waren oder dass eine Narbenbehandlung bei allen Patienten zu vergleichbaren Verbesserungen führt.

    Narbenbehandlung ist deshalb weder ein Allheilmittel noch bei jeder Beschwerde notwendig. Bei unklaren Beschwerden und früheren Operationen kann es aber sinnvoll sein, die Narbe und das umliegende Gewebe in die Untersuchung einzubeziehen.

    Quellen

    Meer TA, Noor R, Bashir MS, et al.
    Comparative effects of lymphatic drainage and soft tissue mobilization on pain threshold, shoulder mobility and quality of life in patients with axillary web syndrome after mastectomy.
    BMC Women’s Health. 2023;23:588.

    González-Rubino JB, Martín-Valero R, Vinolo-Gil MJ.
    Physiotherapy protocol to reduce the evolution time of axillary web syndrome in women post-breast cancer surgery: a randomized clinical trial.
    Supportive Care in Cancer. 2025;33:326.

    Lin TR, Chou FH, Wang HH, Wang RH.
    Effects of scar massage on burn scars: A systematic review and meta-analysis.
    Journal of Clinical Nursing. 2023;32(13–14):3144–3154.

    Hinweis: Die beschriebenen Patientenbeispiele wurden anonymisiert und in einzelnen Details verändert.

  • Abnützung im MRI: Ist mein Rücken wirklich kaputt?

    Abnützung im MRI: Ist mein Rücken wirklich kaputt?

    Ausgangslage

    Diese Woche kam erneut ein Patient zum ersten Mal zu mir in die Praxis. Kaum hatte er sich hingesetzt, knallte er mir einen MRI-Bericht auf den Tisch und sagte, dass sein Rücken komplett kaputt sei. Für ihn war klar, dass seine Schmerzen von den im MRI beschriebenen Abnützungserscheinungen kommen mussten. Schlafen fiel ihm schwer, und er überstand den Tag nur mühsam und mithilfe von Schmerzmitteln. Hilfesuchend schaute er mich an und fragte, ob ich ihm helfen könne.

    Leider geschieht das regelmässig bei uns in der Praxis. Unsere Aufgabe ist dann nicht, den Bericht schönzureden, sondern den Befund richtig einzuordnen. Eine Abnützung bedeutet nicht automatisch Schmerzen oder eine eingeschränkte Funktion des Rückens. Der Therapeut muss sich ein Gesamtbild machen und die Belastbarkeit, eine mögliche neurologische Beteiligung sowie den bisherigen Verlauf betrachten und daraus Rückschlüsse ziehen.

    In der Praxis vergleiche ich ein solches MRI-Bild gerne mit dem Foto eines Motors. Vielleicht sieht man alte Bauteile oder Rost. Anhand des Fotos allein ist es aber unmöglich zu sagen, ob und wie gut der Motor läuft. Bei diesem Vergleich verstehen viele Patienten, was ich damit meine: Ein Bild allein reicht nicht aus, um die Funktion zuverlässig zu beurteilen.

    Zunächst müssen wir kurz klären, was ein MRI überhaupt ist. Alle, die bereits einmal in der «Röhre» lagen, kennen das laute Klopfen und Hämmern sowie die super Musik über die Plastikkopfhörer. Die Magnetresonanztomografie, kurz MRI, ist ein bildgebendes Verfahren, das die gewünschten Körperregionen in Schichten darstellen kann. Im Vergleich zum Röntgen lassen sich im MRI, Weichteile wie Bandscheiben, Nerven, Muskeln und Sehnen deutlich besser darstellen. Wichtig ist jedoch, dass es sich um ein Bild handelt und daraus keine direkten Schlüsse auf die Belastbarkeit des Gewebes oder die Schmerzen gezogen werden können.

    Wie häufig sind solche Veränderungen bei Menschen ohne Schmerzen?

    Um den Befund eines Patienten richtig einordnen zu können, ist es für uns Therapeuten wichtig zu wissen, wie häufig degenerative Veränderungen in welchem Alter vorkommen. Eine grosse systematische Übersichtsarbeit von Brinjikji et al. fasste 33 Studien mit insgesamt 3’110 Personen ohne Rückenschmerzen zusammen. Diese Arbeit ist besonders interessant, weil viele der beschwerdefreien Personen degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule aufwiesen. Je älter die untersuchten Personen waren, desto häufiger kamen solche Abnützungserscheinungen vor.

    Was bedeuten Protrusion und Extrusion?

    Bevor wir uns die effektiven Zahlen der Studie anschauen, müssen wir kurz über die Begriffe Bandscheibenprotrusion und Bandscheibenextrusion sprechen. Bei einer Protrusion wölbt sich die Bandscheibe nach hinten über den normalen Rand hinaus. Das Bandscheibenmaterial bleibt dabei aber noch von den äusseren Fasern der Bandscheibe umgeben. Bei einer Extrusion ist der äussere Faserring eingerissen und Bandscheibenmaterial tritt aus der Bandscheibe heraus. Der ausgetretene Anteil kann dabei grösser sein als die Stelle, über die er noch mit der Bandscheibe verbunden ist. Vereinfacht gesagt ist die Extrusion also eine stärker ausgeprägte Form eines Bandscheibenvorfalls.

    Schematische, KI-generierte Darstellung. Die Abbildung dient der vereinfachten Erklärung.

    Wie häufig sind solche Veränderungen bei Menschen ohne Schmerzen?

    AlterBandscheibendegenerationBandscheibenprotrusion
    2037%29%
    3052%31%
    4068%33%
    5080%36%
    6088%38%
    7093%40%
    8096%43%

    Diese Zahlen wirken zunächst sehr eindrücklich und zeigen, dass degenerative Veränderungen auch bei Menschen ohne Rückenschmerzen vorkommen. Ein solcher Befund ist somit nicht automatisch die Ursache der Beschwerden. Viele dieser Veränderungen können Teil des normalen Alterungsprozesses sein und müssen immer im Zusammenhang mit den Beschwerden betrachtet werden.

    Ähnlich verhält es sich mit der häufigen Vorstellung, dass bestimmte Bewegungen für den Rücken grundsätzlich schädlich seien. Auch die Frage, ob man beim Heben den Rücken immer gerade halten muss, ist weniger eindeutig, als häufig angenommen.

    Sind MRI-Befunde also bedeutungslos?

    Nun könnte man fast zum Schluss kommen, dass MRI-Befunde nutzlos seien und überhaupt nichts aussagen. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Dieselbe Forschungsgruppe veröffentlichte im selben Jahr eine zweite Studie, in der Personen bis 50 Jahre mit und ohne Rückenschmerzen verglichen wurden. Dabei zeigte sich, dass bestimmte Befunde wie Bandscheibendegenerationen sowie Protrusionen und Extrusionen bei Menschen mit Rückenschmerzen deutlich häufiger vorkamen.

    MRI-Befunde bei Personen mit und ohne Rückenschmerzen

    MRI-BefundOhne RückenschmerzenMit Rückenschmerzen
    Bandscheibendegeneration34.4%57.4%
    Bandscheibenprotrusion19.1%42.2%
    Bandscheibenextrusion1.8%7.1%

    Das zeigt, dass degenerative Befunde durchaus mit Rückenschmerzen zusammenhängen können. Ein Zusammenhang bedeutet jedoch nicht automatisch, dass der sichtbare Befund die alleinige Ursache der Schmerzen ist.

    Wenn man beide Arbeiten gemeinsam betrachtet, ergibt sich ein differenziertes Bild: Degenerative Veränderungen kommen häufig auch bei schmerzfreien Personen vor. Dennoch treten gewisse Befunde bei Menschen mit Rückenschmerzen häufiger auf. Ein MRI kann somit Auffälligkeiten im Rücken sichtbar machen, sagt aber nicht genau aus, woher die Schmerzen kommen oder welche Behandlung notwendig ist.

    Was bedeutet das für den Patienten?

    Ein MRI-Befund sollte weder überbewertet noch ignoriert werden. Meine Aufgabe als Physiotherapeut ist es, den Verlauf, die Schmerzen und den Befund gemeinsam zu betrachten und mir daraus ein Gesamtbild zu machen. Eine abgenützte Struktur muss nicht zwingend Schmerzen verursachen. Gleichzeitig können Faktoren wie Muskelkraft, Schlaf, Stress sowie persönliche Erfahrungen und die eigene Einschätzung der Beschwerden beeinflussen, wie stark Schmerzen wahrgenommen werden.

    Wie wird ein MRI-Befund in der Physiotherapie eingeordnet?

    In der Praxis behandeln wir deshalb nicht einfach den MRI-Bericht. Gerade bei komplexeren Beschwerden benötigen wir gut und gerne 30 Minuten für eine genaue Befragung und Untersuchung. Dabei untersuchen wir unter anderem die Beweglichkeit, Kraft, Belastbarkeit, schmerzauslösende Bewegungen und mögliche neurologische Auffälligkeiten. Daraus entsteht eine auf den Patienten abgestimmte Behandlung mit Aufklärung, Bewegungsschulung, Kraftaufbau und einer Anpassung der Belastung.

    Wann braucht es weitere Abklärungen?

    Ein MRI ist also nicht per se unnötig. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Patient ohne MRI zu mir kommt und ich ihn zur weiteren ärztlichen Abklärung zurückschicke. Dies geschieht beispielsweise, wenn der Verlauf nicht zum erwarteten Beschwerdebild passt oder Hinweise auf eine neurologische Beteiligung, eine schwere Verletzung oder eine ernsthafte Erkrankung bestehen.

    Zurück zum Patienten aus dem Beispiel

    Bei meinem Patienten stand zunächst die Aufklärung im Vordergrund. Wichtig war, ihm zu zeigen, dass die sichtbaren Veränderungen nicht automatisch bedeuten, dass sein Rücken kaputt ist oder die Schmerzen dauerhaft bleiben müssen. Mit einer passenden Belastungssteuerung, gezielten Übungen und einem schrittweisen Aufbau bestehen häufig gute Chancen, die Schmerzen zu reduzieren und die Belastbarkeit zu verbessern.

    Fazit

    Unterm Strich lässt sich sagen: Ein MRI, das Veränderungen zeigt, erklärt nicht automatisch die Ursache der Schmerzen. Degenerative Befunde sind häufig und können zum Beschwerdebild beitragen. Sie müssen jedoch immer im Zusammenhang mit den Beschwerden, der körperlichen Untersuchung und dem Verlauf beurteilt werden. Ein auffälliges MRI bedeutet deshalb nicht automatisch, dass der Rücken kaputt ist.

    Quellen

    Brinjikji W, Luetmer PH, Comstock B, et al. Systematic Literature Review of Imaging Features of Spinal Degeneration in Asymptomatic Populations. AJNR American Journal of Neuroradiology. 2015;36(4):811–816.

    Brinjikji W, Diehn FE, Jarvik JG, et al. MRI Findings of Disc Degeneration are More Prevalent in Adults with Low Back Pain than in Asymptomatic Controls: A Systematic Review and Meta-Analysis. AJNR American Journal of Neuroradiology. 2015;36(12):2394–2399.

    Hinweis: Das beschriebene Patientenbeispiel wurde anonymisiert und in einzelnen Details verändert.